S u m a t r a

Wir stehen am Check-In von Malaysian Airlines und haben kein Problem unser einziges Gepäckstück, unseren Trekking-Rucksack, einzuchecken. Das Gepäck wird gleich nach Medan durchgecheckt, so daß wir in Kuala Lumpur (Malaysia) nur in den Transit müssen.

Alle Hotels, und Transfers haben wir über einen indonesischen Travel-Agent gebucht und so dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir kommen um ca. 9.00 Uhr morgens an und werden tatsächlich von einem breit lächelnden Chauffeur abgeholt und ins Hotel gebracht. Die erste Nacht verbringen wir im Hotel Deli River in der Nähe von Medan, um uns etwas zu akklimatisieren. Das stellt sich auch als weise Entscheidung heraus, denn es ist wahnsinnig heiß und schwül in Medan. Gott sei Dank hat unser sehr schönes Zimmer mit Bad und warmer Dusche eine Klimaanlage, so daß es dort gut auszuhalten ist. Auch das Abendessen im zum Komplex gehörenden Restaurant ist ganz gut. Leider sind wir die einzigen Gäste...

Am nächsten Morgen geht’s dann ins Regenwalddorf beim Nationalpark. Während der 3-stündigen Fahrt sehen wir so Einiges von Sumatra und sind, ehrlich gesagt, geschockt. Zum Ersten wegen der Lebensverhältnisse der ‘normalen’ Leute. Medan ist zwar die größte Stadt Sumatras, trotzdem hat man den Eindruck es ist ein großes Dorf. Es gibt kein Geschäftsviertel oder Bankenviertel. Alles ist irgendwie zusammengewürfelt und relativ schöne Häuser stehen neben einfachsten Hütten. Dort wühlen Leute im Müll und Dreck und daneben steht ein schöner, neuer Geländewagen vor dem Haus. Viele Leute leben wirklich einfachst, etwa so, wie ich es mir auf dem Land vorgestellt hätte. Manche leben in Hütten ohne Boden auf blanker Erde und kochen über dem Feuer. Total abgemagerte Hühner suchen sich ihren Weg über Straßen, quetschen sich zwischen Bejags (eine Art Rikscha mit Motorrad), Mopeds und Autos durch. Dann sieht man wieder schöne Autos und fragt sich, wo diese Leute wohl wohnen.

Die Zweite Sache, die uns geschockt hat, ist der Verkehr. Wir waren zuvor noch nie in Asien und hatten einfach keine richtige Vorstellung, wie das hier zugeht. Der Verkehr besteht aus Autos, sehr vielen Mopeds und nochmehr Kleinbussen und Bejags. Viele Leute haben hier kein Auto und nutzen Kleinbusse oder Bejags als Transportmittel. Der, der seinen eigenen fahrbaren Untersatz möchte, besitzt ein Moped. Nun fahren alle gleichzeitig los und keiner kümmert sich um Fahrbahnen oder Ampeln. Es wird direkt vor und hinter dem Auto gekreuzt und gequert, daß einem Angst und Bange wird. Wenn etwas entgegen kommt, wird einfach drauflosgefahren. Der Entgegenkommende ebenso und so wird Millimeter für Millimeter aneinander vorbei gefahren. Ständig wird gehupt, um auf sich aufmerksam zu machen und irgendwie schaffen es alle, ungestreift aneinander vorbei zu kommen. Wie das funktioniert ist uns ein absolutes Rätsel. Wahrscheinlich liegt es daran, daß kurz bevor es zu spät ist, doch jeder bremst. Wirlich bemerkenswert ist auch, was auf diesen Bejags alles transportiert wird. Meterlange Latten, Tischtennisplatten und Berge von Obst und anderen Waren.

Das absolut Schockierendste von allem ist jedoch, die Abholzung des Regenwaldes. Während der ganzen 3 Stunden Fahrt haben wir keinen einzigen Baum gesehen, ausgenommen Palmölplantagen. Von Medan bis zur Nationalparkgrenze ist alles Land entweder bebaut oder in Palmölplantagen umgewandelt worden. Wir erfahren, daß die Indonesier glücklich darüber sind, denn die Plantagen geben ihnen Arbeit. Angesichts der dort herrschenden Armut ist dies auch zu verstehen. Nein, beschuldigen müssen wir uns, die Europäer, denn der größte Teil des indonesischen Palmöls geht nunmal nach Europa für Biokraftstoff. Unsere Regierungen müssen endlich sagen: Nein, wir erlauben kein Palmöl mehr! Produziert Biokraftstoff aus Rohstoffen aus nachhaltigem Anbau wie z.B. Raps. Es ist wirklich unglaublich: Wir benutzen Biokraftstoffe um die Umwelt zu entlasten (und uns ein gutes Gewissen zu verschaffen), dafür werden in Indonesien, Malaysia und auch Südamerika Regenwälder abgeholzt um Ölplantagen zu generieren. Wo ist da die Logik?

Hier nun ein Bild von einer gerade frisch angelegten Ölplantage, einer voll operierenden und industriell genutzten Plantage  und deren Früchte, aus denen das Öl letztendlich gewonnen wird. Die ‘Trauben’ werden in Handarbeit mit langen Stöcken, an denen eine Art Säge befestigt ist, geerntet.

 

 

 

 

Die Palmöl-Problematik ist gleichzeitig auch das große Problem für die Orang Utans, dem eigentlichen Grund, weshalb wir hier sind. Fast 90% des Orang Utan Habitats in Indonesien und Malaysia ist bereits zerstört. Die indonesische Regierung hat kund getan, daß große Flächen des Tanjung Puting NP, der auf Borneo in Kalimantan liegt, und die bekannteste geschütze Fläche für Orang Utans ist, in Palmölplantagen umgewandelt werden sollen.  Experten sagen, daß dieser ‘Öl für Menschenaffen’- Skandal dazu führen wird, daß der einzige Menschenaffe Asiens schon in 12 Jahren ausgerottet sein wird, wenn sich nicht etwas Entscheidendes ändert.

Mit diesen traurigen Aussichten kommen wir also in Bukit Lawang an. Und auch hier: bis an den Grenzstein zum Nationalpark reichen frisch angelegte Plantagen. Etwas betrübt quartieren wir uns im Hotel, das ganz nett aussieht, ein. Wir haben Ventilatoren, Klo und Dusche (wenn auch nur kalt) auf dem Zimmer. Alles was das Herz begehrt und mehr, als wir erwartet hätten. Auch das Restaurant ist sehr gut und für 5-7 EUR bekommt man ein gutes Essen inkl. Getränke für zwei Leute.

Da man alleine nicht im Nationalpark unterwegs sein darf, benötigt man einen Guide/Führer. Unser Guide wurde uns schon vom Reiseunternehmen ‘zugeteilt’ und er empfängt uns beim Abendessen. Sein Englisch ist mehr als holprig und wir haben unsere Mühe ihn zu verstehen bzw. ihm begreiflich zu machen, was wir meinen. Wir schaffen es jedoch uns einig zu werden, daß wir am nächsten Tag zur Fütterungsplattform gehen wollen. Dort werden die Orang Utans zweimal täglich von Rangern gefüttert und sind in der Regel auch da. Manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal auch keiner- wie das eben so ist bei Tieren.

Unser Guide besorgt die Permits und so machen wir uns am nächsten Tag auf und gehen für ca. 30 Minuten flussaufwärts, bis wir das Kanu, das uns über den Bohorok bringen soll, erreichen. Das ‘Böötchen’ sieht etwas abenteuerlich aus, aber die ‘Bootsführer’ scheinen zu wissen, was sie tun.

 

 

Wir haben Glück und einige der Orangs kommen zur Fütterung. Wir sehen unsere ersten Orang Utans! Es kommt sogar ein Weibchen mit einem Baby und wir können die beiden für etwa 10 Minuten beobachten. Sie sehen so menschlich aus in ihren Gesten und auch Gesichtsausdruck.

 

 

Anschließend machen wir noch eine Wanderung durch den Dschungel zurück zum Dorf. Wir sehen auch noch einige Orang Utans, aber der Treck ist so steil, daß wir beide total am Ende sind. Es ist so heiß und schwül und wir schwitzen ohne Ende. Steffen schwitzt so sehr, daß sein Hemd und seine Hose triefnaß ist. Als wir wieder im Hotel sind, sind wir so fertig, daß wir beschließen am nächsten Tag nichts zu tun.

Am übernächsten Tag gehen wir nochmal zur Fütterung, allerdings kommt nur ein Affe und der dreht uns auch noch die ganze Zeit den Rücken zu. Diesmal gehen wir wieder mit dem Boot zurück und setzen uns ins Restaurant um unseren Wasserhaushalt wieder etwas auszugleichen. Dort treffen wir dann Evelyne aus Frankreich und ihren Guide. Sie spricht uns an, weil sie auch fotografiert und unsere Fotoausrüstung identifiziert hat. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, daß Evelyne schon seit 13 Jahren zum Fotografieren hier her kommt. Sie ist etwas über 50 und Rentnerin und verwendet ihre Bilder nicht um Geld zu verdienen, sondern um auf die Orang Utan-Problematik aufmerksam zu machen. Indem sie Touristen hier herzieht, hofft Sie, wenigstens diesen einen Park als Lebensraum für die Orangs zu sichern. Denn eines ist klar: die Einheimischen sind nur deshalb an den Orang Utans interessiert, weil sie Geld damit verdienen können. Genauergesagt mit den Touristen, die hierher kommen um die Affen zu sehen. Natürlich ist auch die Fütterung der Affen ambivalent zu sehen: es sind keine richtig wilden Affen mehr, sie sind nur halbwild. Aber nur so ist es relativ sicher, daß sie auch gesehen werden können. Deshalb kommen ja die Touristen. Stoppt man die Fütterung nun, bleiben die Affen weg, und schlussendlich auch die Touristen. Die Einheimischen werden das Interesse am Nationalpark verlieren (er bringt ja nichts mehr für sie) und die Abholzung wird folgen. Was ist also besser: halbwilde Affen oder gar keine Affen? Evelyne denkt, wie wir, halbwilde Affen sind besser als keine. Wir mögen Evelyne sofort und sie uns offensichtlich auch und lädt uns ein, am nächsten Tag mit ihr in den Wald zu wandern. Wir tun unser Problem mit dem Klima kund und sie versichert uns, daß wir langsam gehen werden. Sie selbst hat große Probleme mit ihrem Rücken, trägt ein Korsett und kann selbst nicht so schnell. Freudig verabreden wir uns für den nächsten Tag.

Abends beginnt es jedoch plötzlich wahnsinnig zu regnen. Einen solchen Starkregen haben wir bisher noch nie gesehen. Innerhalb einer halben Stunde steigt der Wasserstand des Bohorok um mehrere Meter und setzt das Hotel, in dem wir die Nacht zuvor noch gewohnt haben (wir müssen das Hotel zweimal wechseln, weil ausgebucht), fast unter Wasser. Eine Trittstufe fehlt bis zum Eintritt des Wassers in unser ehemaliges Zimmer. Dazu muß man wissen, daß dieses Hotel erst vor 2 Jahren neu erbaut wurde, weil es während der großen Flut, die sich in 2003 ereignete, vollkommen weggeschwemmt wurde. Wie das komplette Dorf übrigens. Die Hälfte der Bevölkerung starb und der überlebende Teil ist immernoch traumatisiert. Angesichts dieser Erinnerungen ist es also kein Wunder, daß viele Dorfbwohner weggerannt sind um höhere Gefilde zu erreichen. Wie wir am nächsten Morgen erfahren, war es der höchste Wasserstand seit der Katastrophe in 2003. Allerdings wurde die Katastrophe durch den Bruch eines natürlichen, durch angeschmemmte Bäume entstanden Dammes in den Bergen verursacht. Eine Flutwelle also. Wir wissen ja, daß wir überall hin Regen mitbringen (sogar an Orte, an denen es normalerweise nie regnet), in den Tropen allerdings, wo es sowieso viel regnet ist dies scheinbar etwas zuviel des Guten (im Schwäbischen nennt man das ‘auf’d Mischde dongt’, was soviel heißt wie ‘auf den Misthaufen gedüngt’).

Das Hochwasser hält uns jedoch nicht davon ab, mit Evelyne in den Wald zu gehen. Unterwegs sehen wir einige Orang Utans, auch wieder ein Weibchen mit Jungem. Allerdings fängt es wieder an zu regnen und wir müssen zurück.

 

 

Die nächsten Tage gehen wir noch zweimal mit Evelyne und haben tolle Möglichkeiten Orang Utans zu fotografieren.

 

 

 

 

   

Einmal entdecken wir auch eine Makakken-Familie und können auch davon gute Bilder machen. Hier ein Jugendlicher mit Sturmfrisur:

Übrigens: Das Kanu, das einen über den Fluß zur Fütterungsplattform bringt, wurde nach der Überschwemmung geborgen und ist bis zu unserer Abreise nicht mehr funktionsbereit. Es soll gerade bei der Reparatur sein. 

Nach 10 Tagen Regenwald, schwülem Klima und Reis mit Eiern, freuen wir uns schon ein bißchen auf die Rückfahrt nach Medan. In Medan ist es wieder ein paar Grad heißer als in den Bergen und wir sind wieder froh an unserer Klimaanlage und auch einer warmen Dusche. Kalte Duschen sind o.k. aber irgendwie geht halt doch nicht alles ab (zumindest hat man das Gefühl). 

Am 25. Oktober besteigen wir das Flugzeug der Malaysian Airlines in Medan mit Ziel Sydney, Zwischenstopp in Kuala Lumpur. Es war schön in Sumatra und sehr interessant. Die Begegnungen mit den  einzigen Menschenaffen Asiens werden uns für immer im Gedächtnis bleiben. 

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